Und plötzlich bin ich in Nordkorea!

Und plötzlich bin ich in Nordkorea
Und plötzlich bin ich in Nordkorea!

Da stehe ich plötzlich in Norden des Landes!

Der Tag beginnt viel zu früh. Um kurz vor sieben Uhr werden wir von unserm Guide in der Hotel Lobby abgeholt. Wir sind die ersten, die sie einsammelt. Der Vorteil: wir haben in unserem kleinen Bus, in den maximal 14 Leute reinpassen, noch die volle Platzauswahl.

Eine der ersten Dinge, die unser Guide sicherstellt ist, dass wir auch unseren Pass dabeihaben. Den sollen wir an diesem Tag noch oft vorzeigen.

Natürlich haben wir ihn dabei, denn bereits im Vorfeld haben die Tourteilnehmer genaue Anweisungen bekommen, worauf sie zu achten haben. Dazu gehört, neben dem Pass, auch der Verzicht auf allzu legere sowie militarisierte Kleidung. Idealerweise sollten wir auch keine offenen Schuhe tragen.

 

Es geht los!

Nach und nach füllt sich das Vehikel und es ist bereits kurz nach acht als wir alle Gruppenmitglieder eingesammelt haben. Unser Guide Mrs. Miso, was auf Koreanisch übrigens „lächeln“ bedeutet, ist wirklich zauberhaft und beantwortet uns jede Frage.

Ungefähr 1,5 Stunden dauert die Fahrt bis zur sogenannten DMZ, der demilitarisierten Zone. Mir fällt auf, dass je länger wir die Strasse in Richtung Norden passieren, immer weniger Autos auf den Strassen anzutreffen sind. Und bald sind es nur noch eine Hand voll.

Wir haben an diesem Tag ein striktes Zeitlimit und sind an vorgegebene Uhrzeiten gebunden. Zu spät kommen ist nicht. Dies fällt uns bereits an unserem ersten Ziel auf, an dem wir nur wenige Minuten haben. Hoffentlich haben wir bei den späteren Destinationen mehr Zeit, denke ich mir, als ich aus dem Bus steige und unser erstes Ziel erkunde.

 

Imjingak Park
Imjingak Park

 

Erster Stopp: Imjingak Park

Den ersten Halt tätigen wir am Imjingak Park. Imjingak (임진각(臨津閣) liegt am Imjin Fluss und gehört zur Stadt Paju. Du findest hier viele Monumente, die im Zeichen des Koreanischen Krieges stehen. Dazu gehören die Liberty Bell und die Bridge of Freedom. Darüber hinaus findest du hier eine Aussichtsplattform, ein Restaurant, verschiedene Shops und sogar einen kleinen Vergnügungspark. Viele Südkoreaner, die noch Verwandte oder Freunde in Nordkorea haben, kommen hierher, um sich ihnen näher zu fühlen.

Was auch dir auffallen wird ist, dass das Wort „Frieden“ ironischerweise in vielen dieser Monumentnamen vorkommt. Dabei symbolisieren sie ironischerweise alles andere als eine friedvolle Vergangenheit. Vermutlich gab man ihnen den Namen eher in der Hoffnung an eine bessere, friedliche Zukunft.

 

Liberty Bell
Liberty Bell

 

Bridge of Freedom
Bridge of Freedom

 

Plan vom Imjingak Park
Plan vom Imjingak Park

 

Zweiter Stopp: Der 3 Infiltrationstunnel & DMZ Ausstellungshalle

Der zweite Stopp führt uns ins DMZ Theater & Ausstellungshalle. Dort bekommen wir zunächst einen 8 minütigen Film zu sehen, der mit Sicherheit nicht weniger Propaganda enthält, als so mancher Film auf der anderen Seite der DMZ. Auf eine ganz bestimmte Stimmung abzielend wird gezeigt, wie böse der Norden ist und ziemlich verherrlichend, wie gut der Süden ist. Mir ist das zu viel. Die Mischung aus amerikanischem Heroismus und südkoreanischer Stimmungsbildung ist meiner Meinung nach ziemlich gefährlich. Besser hätte ich gefunden, wenn man sich um eine neutrale Schilderung der Geschichte der DMZ bemüht hätte. Hier habe ich zum ersten Mal dieses merkwürdige Gefühl, nicht ganz fassen zu können, an welchem Ort ich mich gerade befinde.

 

Der 3 Infiltrationstunnel

 

Abstieg in den dritten Infiltrationstunnel

Nach dieser 8-minütigen Beeinflussung in Filmform geht es in den dritten Infiltrationstunnel. Damals hatten die Nordkoreaner versucht, Seoul mit Hilfe dieser Tunnel zu erobern. Durch Zufall hat man diese Tunnel dann entdeckt. Den dritten entdeckten Tunnel durften wir nun besichtigen. Heute nimmt man an, dass es noch mehr dieser Tunnel gibt, die bisher noch nicht gefunden wurden. Erneut wird klar: die Angst vor dem Feind Nordkorea ist allgegenwärtig.

Der Tunnel ist 1,6 km lang und ca. 2 Meter breit und hoch. Unser Weg führt uns zunächst einige Meter in die Tiefe, denn der Tunnel liegt 73 Meter tief. Anschließend können wir einen Teil des Tunnels entlanggehen, der nur in eine Richtung führt. Für jemanden wie mich und meinen 1,73 Meter ist der Weg einigermaßen anstrengend, denn ich kann ihn größtenteils nur in halb gebückten Zustand hinter mich bringen.

Einige asiatische Besucher absolvieren die Strecke jedoch zum Teil aufrecht. Unweigerlich kommt die Frage auf, wie viele Nordkoreaner hier wohl durch gepasst haben sollten. Sofern sie über 1,50 Meter groß sein sollten, kann an eine schnelle Übernahme der Stadt keine Rede gewesen sein.

Ein Blick auf die Gruppe koreanischer Soldaten, die sich genau hinter uns befinden und ebenfalls sehr gebückt gehen, bestätigen diese Vermutung.

Wieder so ein Moment in dem ich mich frage, wieviel Wahrheit in den Aussagen steckt, die wir hier zu hören bekommen.

Der Abstieg und besonders der erneute Aufstieg sind äußerst anstrengend und gehen sehr auf die Kniegelenke. Solltest du Probleme damit haben oder unter Platzangst leiden, ist der Tunnel kein guter Ort für dich und du solltest lieber draußen warten.

Das Fotografieren im Tunnel ist übrigens strengstens verboten! Auch wenn ich vermutlich die einzige bin, die sich daran gehalten hat, gibt es daher keine Fotos von mir aus dem Tunnel.

 

Am 3. Infiltrationstunnel

 

Dritter Stopp: Dora Observatory

Anschließend geht es wieder in den Bus und wir fahren zur Dora Aussichtsplattform. Ähnlich wie an deutschen Aussichtsplattformen, ist diese mit zahlreichen Ferngläsern bestückt, die dir einen kostenpflichtigen, aber dennoch freien Blick auf die Nordkoreanische Seite bieten.

Aus der Ferne dröhnen Botschaften aus den Lautsprechern, doch auch unser Guide kann sie nicht entziffern, da sie einfach zu weit weg sind. Sind es nun südkoreanische oder nordkoreanische Botschaften?

So oder so: wieder ist es da, dieses komische und mulmige Gefühl in der Magengegend. Wie kann es sein, dass ein paar hundert Meter weiter ein Land beginnt, in dem es keine Menschenrechte zu geben scheint?

 

Dora Aussichtsplattform
An der Dora Aussichtsplattform

 

Blick nach Nordkorea
Blick nach Nordkorea

 

Vierter Stopp: Dorasan Station

Nach einer vergleichsweise kurzen Busfahrt von wenigen Minuten, sind wir auch schon an der Dorasan Bahnstation. Sie ist die nördlichste Bahnstation Südkoreas und genau genommen auch die südlichste Bahnstation Nordkoreas.

Die Station wurde 2002 feierlich eröffnet. Auch der damalige Präsident George W. Bush war dabei anwesend. Heute besuchen nur noch Touristen die Station, die dann die Worte des damaligen Präsidenten lesen könne, die er auf einen der Steine geschrieben hat. Sie lautet: „May the railroad unites Korean families.

Traurigerweise kam die Bahnstation ihrem Zweck dieser Wiedervereinigung bisher nicht nach.
Wer mag, kann sich für 1000 KRW (ca. 0,80 EUR) ein Bahnticket kaufen und das Bahngleis betreten.

Wir haben jedoch darauf verzichtet. Für deutsche Besucher ist dieser Besuch vielleicht noch einmal besonders emotional. Joachim Gauck brachte bei einem Staatsbesuch ein Stück der Berliner Mauer mit, das du nun auf diesem Bahngleis bestaunen kannst.

Kein anderes „Mitbringsel“ könnte meiner Meinung nach besser den Wunsch nach Wiedervereinigung symbolisieren, als ein Stück der Mauer, die bereits in der Vergangenheit ein Land in zwei Teile teilte.

Bevor wir erneut in den Bus einsteigen, ertönen wieder die Lautsprecherdurchsagen. Dieses Mal sind sie näher und lauter. Besser zu vernehmen. Unser Guide identifiziert den Dialekt der Durchsagen eindeutig als Nordkoreanische Aussagen. Doch was genau, kann oder mag auch sie nicht sagen.

 

Dorasan Station
Dorasan Station

 

Fünfter Stopp: ID Check Point & Camp Bonifas

Nach einem typisch koreanischen Mittagessen (in unserem Fall ziemlich gutes Bulgogi), verabschieden wir uns von Mrs. Miso und bekommen einen neuen Guide zur Seite gestellt, denn die Nachmittagsgruppe fügt sich aus mehreren Morgentouren zusammen.

Unser nächster Halt wird ein ID Check Point sein. Hier wird uns ein amerikanischer Soldat zur Seite gestellt, der uns für den Rest der Tour begleiten wird. Wir werden noch einmal eingehend darauf hingewiesen, dass das Fotografieren aus dem Bus heraus strengstens verboten ist. Wir erhalten ein kleines Briefing darüber, wann wir fotografieren dürfen und wann es absolut untersagt wird.

Als wir am Check Point ankommen, wird unsere Identität ein weiteres Mal überprüft, ehe der Soldat mit uns zu Camp Bonifas fährt.

Dort gibt er uns einen kurzen Abriss über die Geschichte zwischen Nord- und Südkorea sowie über Camp Bonifas. Zum Glück macht er dies neutral und ziemlich souverän. Gepaart mit ein paar Witzen, lockert er die Stimmung ein wenig auf, die zuvor recht verhalten war.

 

Camp Bonifas
Das JSA Visitor Center am Camp Bonifas

 

Sechster Stopp: JSA

Nach der ca. 15 minütigen Präsentation geht es zurück in den Bus. Doch dieses Mal steigen wir in einen Militärbus um. Rucksäcke und Taschen sind strengstens untersagt. Eine Kamera darf mitgenommen werden, jedoch so, dass man sie sehen kann. Sie darf nicht in einer Kameratasche versteckt werden. Smartphones dürfen nur als Kameraersatz verwendet werden.

Die JSA (Joint Security Area) ist der einzige Bereich in der DMZ, in dem sich Süd- wie Nordkoreanische Soldaten Auge in Auge gegenüberstehen, weshalb die Sicherheitsvorkehrungen noch einmal angezogen werden.

Wir bekommen die Anweisung uns in Zweierreihen zu firmieren und uns so fortzubewegen. Dies klappt jedoch mehr schlecht als recht.

Als erste Gruppe dürfen wir in das mittlere der knallblauen Häuschen. Gegenüber der Tür durch die wir hineingelangt sind, befindet sich eine weitere Tür, die zur nordkoreanischen Seite abgeht. Sie wird von zwei koreanischen Soldaten bewacht.

Wir sehen eine Menge dunkelbrauner Tischer. Als wir uns um den mittleren Tisch versammeln, erklärt uns der amerikanische Soldat, dass hier für gewöhnlich Verhandlunegn abgehalten werden. Mein Blick fällt auf die Mikrofone, die in mittlerer Reihe auf dem Tisch platziert sind. Sie nehmen rund um die Uhr auf. Auch jetzt.

Für wenige Minuten dürfen wir Fotos machen. Auch mit den beiden Soldaten. Dabei ist jedoch zu beachten, dass wir mindestens 30 Zentimeter Abstand halten sollen. Sofort zückt jeder sein Smartphone und macht ein Selfie. Erneut ein unglaublich surreales Bild, das sich hier bietet. Ich verzichte auf das Selfie und werfe lieber einen Blick auf die Gesichter der Soldaten. Kein Zucken. Kein Mucks. Sie lassen die Prozedur über sich ergehen.

 

Soldaten

 

Nach wenigen Minuten werden wir aufgefordert, das Häuschen zu verlassen. Wieder in Zweierreihen. Wieder ohne Erfolg.

Unser Terminplan ist eng getaktet.

Wir stellen uns vor den Häuschen auf und die zweite Gruppe darf das Haus betreten. Derweil dürfen wir einen Blick auf die Nordkoreanische Seite werfen. Es ist uns strengstens untersagt mit der nordkoreanischen Seite Kontakt aufzunehmen. Im Klartext heisst das: wir dürfen nicht Winken, auf nichts zeigen oder in irgendeiner anderen Art mit der anderen Seite kommunizieren.
Als wir Fotos machen dürfen gelten auch hier strenge Regelungen. Keine Fotos von der Südkoreanischen Seite. Alle Fotos dürfen nur die Nordkoreanische Seite zeigen. In unserem Fall ist diese recht unspektakulär, denn lediglich ein nordkoreanischer Soldat befindet sich auf der anderen Seite.

Dann kommt die zweite Gruppe auch schon wieder aus dem Häuschen heraus und es geht zurück in den Bus. Wieder in angedachten Zweierreihen…

Auf dem Rückweg zu Camp Bonifas, wo unser eigentlicher Bus steht, passieren wir Propaganda Village und Die Brücke ohne Wiederkehr, die auch als Bridge of no Return bekannt ist. Orte, von denen ich in der Vergangenheit schon so viel gehört habe und niemals dachte, sie in der Wirklichkeit zu sehen.

 

Blick nach Nordkorea
JSA: Blick nach Nordkorea

 

Aussichtsturm
Aussichtsturm

 

Als ich in dem Bus zurück nach Seoul sitze, lasse ich den Tag noch einmal Revue passieren. Gelohnt hat sich die Tour allemal. Dennoch frage ich mich, wie viele der heutigen Besucher einfach nur eine spaßige Tour hatten und wie vielen es genauso nahe gegangen ist, wie mir.
Ob das wohl vornehmlich an der Vergangenheit unseres eigenen Landes geht, dass ebenfalls einmal in zwei Hälften geteilt war? Und so wird mir dieser Tag noch lange im Gedächtnis bleiben.

Einen sehr guten Artikel zu seinem DMZ-Erlebnis hat meiner Meinung auch Thomas von pixelschmitt verfasst.

Oder du guckst einfach mal bei schauwerte rein. Auch hier gibt es einen sehr ausführlichen Bericht über die JSA-Tour.

 

Weitere Infos zur Tour

Für die Tour waren wir den ganzen Tag unterwegs. In unserem Fall wurde sie in zwei Hälften geteilt und von unterschiedlichen Guides betreut, was uns aber nichts ausgemacht hat. Ein Mittagessen – in unserem Fall war es Bulgogi – war mit dabei.

Es gibt viele Anbieter, bei denen du eine solche oder ähnliche Tour buchen kannst. Wir haben uns für den Veranstalter DMZ Tours entschieden, der unterschiedliche Touren anbietet (u.a. auch Halbtagstouren) und sehr gute Erfahrungen gemacht.

 

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Plötzlich in Nordkorea!

 

Hi, ich bin Kathi und bin reisesüchtig. Fremde Kulturen faszinieren mich genauso sehr wie die Sprachen, Bräuche und Sitten anderer Länder. Auf Kulturtänzer zeige ich dir, welche Orte du besucht, welche Speisen du probiert und welche Feste du gefeiert haben musst.

2 Comments

  1. schauwerte
    15. Mai 2017

    Das erinnert mich an meine Reise an die DMZ (https://schauwerte.wordpress.com/2011/05/06/reisebericht-sudkorea-teil-4-the-dark-side-war-memorial-freilichtmuseum-und-grenzerfahrung/).

    Ich fand die „bridge of no return“ gruselig und hat man dir auch die Geschichte mit den Flaggen erzählt? Dass Nord- und Südkorea sich gebattelt haben und immer größere Flaggen als der andere aufhingen. Die nordkoreanische soll um die 16kg gewogen haben.

    Antworten
    1. Kathi
      15. Mai 2017

      Oh, wie toll. Ich verlinke dich direkt mal. 🙂
      Ja, die Geschichte mit den Flaggen hat man uns auch erzählt. Mich hat gewundert, dass der Kampf um die größte und höchste Flagge nicht immer noch andauert… XD
      Ja, die Bridge of no Return fand ich faszinierend und gruselig zugleich. Ein ganz mekrwürdiges Gefühl. Aber viele Dinge waren an dem Tag ganz surreal.

      Antworten

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